
passau, 2003
diese wunde gibt gott einen namen
ich sehe nur nach oben, wochenlang
auf dem rücken liegend, fallen mir die haare aus
kommt meine oma nicht mehr von der kreuzfahrt heim
den stoffesel immer auf der brust
damit der kater sich nicht drauf legt und sie eindrückt
die stelle, die mich arbeitslos macht
ich puste und falte bücher, staple einen rücken
über den anderen, baue eine lektüre, die nicht nach draussen geht
wochenlang lege ich eine faust in die leere seite meines bettes
beobachte die katze, die sich vor dem kater hüten muss
aber trotzdem da liegt, wo sie es gerne hat mit schließenden augen
ich komme gerade vom anna ternheim-konzert im "uebel & gefährlich". und was soll ich sagen, nachdem ich gerade erst leonard cohen wie ein willenloser ministrant beweihräuchert habe.
naja, es gab einen schwächeren song bei anna ternheim. aber sonst? tolle band mit tollen sounds (cello, klimperkasten etc.) und darüber dieser gesang. ich habe ja die aktuelle cd. darauf kommt die stimme aber bei weitem nicht so zur geltung. klar tolle songs. aber. live schwebt diese stimme direkt über dem hals und bläst den kopf auf bis an die decke.
das wäre also ein fantastisches konzert gewesen. wenn die anderen menschen nicht gewesen wären. oder nicht so nah. oder sich nicht dauernd bewegt hätten. als ganzes. oder in karawanen durch das ganze hindurch. oder nicht mal da (genau wo ich stand) wieder den kopf reingereckt oder ihn dort (wo auch ich stand) durchgestreckt hätten. das kann ich alles nicht mehr so haben (ich hab manchmal den drang, in köpfe wie in äpfel zu beissen).
naja. anna ternheim. ich kann nichts machen. hier kein beleg für den tollen sound, kein beleg für einen wasserkopf, kein beleg für uebles, aber für gefährliches: für die wirkung von musik:
"'ist das gott?', fragt meine freundin am telefon, als diese platte im hintergrund läuft. ja, das ist er."
-so beginnt tina manske ihre rezension von "leonard cohen - live in london".
und ich? ich wollte schon im oktober nach dem hamburg-konzert irgendwas schreiben, eine krankmeldung, ein testament. jetzt habe ich die london-dvd. vampirmusik, würde ich sagen. auf perserteppichen. und ich? ich möchte auch einfach einer von denen sein, die ihn loben und preisen. aber ich? ich bin doch eher sprachlos. seltsam war das, in dieser color line arena. ich stiefelte eine stunde lang herum und sang "i'm your man" vor mich hin. ich kaufte mir ein alsterwasser. das zu sieben achteln aus bier bestand und das ich nach einem achtel unter meinen stuhl schob. ich saß recht weit vorne. vor mir alte menschen. ich wartete und war nicht gut darin, sang immer nur die erste strophe. ich war ausgehöhlt, wusste nicht, was ich erwarten sollte, flüsterte immer noch, als die band schon auf der bühne stand. es konnte wohl losgehen, dachte ich und mir wurde bewusst, dass man sich auf so etwas schlecht vorbereiten kann (leonard cohen, das ist die musik meines lebens, sage ich gern). dann joggte er auf die bühne. und dann wurde einfach so "dance me to the end of love" aufgespielt. und ich war auch da. leonard cohen in lebensgröße. bei "ain't no cure for love" dachte ich: das ist so banal. dass es im selben raum passiert. dann gewöhnte ich mich, talentiert wie ich bin, an die tatsachen. und konnte es genießen, konnte es feiern, ihn erhalten. den größten popmusiker aller zeiten. was für eine qualität an diesem abend, merkte ich. was für eine tolle band, merkte ich. und songs, die solche höhen ausloten, dass man die dementsprechenden tiefen mit sich nach hause tragen muss, wenn man nur einen meter sechsundachtzig groß ist. und wenn man dann an sich runterschaut, sieht man, dass im keller noch licht brennt. natürlich standen leute im weg. im block neben mir ein fahrlehrer mit cowboystiefeln und ohrring, der nicht schön nicht im takt mit seinen absätzen klopfte, an stellen, an denen andere gern husten würden, weil sie ihr leben verwirkt haben. "the partisan" (tolles arrangement, bedauerlicherweise nicht auf der london-dvd) war so erhebend, alle standen auf und klatschten, mitten im konzert. cohen kriegte aber auch das hin. meine güte, er war so vornehm, so wohlerzogen, so gut, er spielte drei stunden, nahm seinen hut immer wieder und spielte immer wieder weiter. und einen schwachen song fand er nicht. und als die webb sisters "if it be your will" vortrugen, als könnten sie damit fliegen lernen, stand cohen im schatten, den hut vor der brust und flüsterte seine worte mit geschlossenen augen mit (sieht man leider auch nicht auf der dvd, obwohl ich mir sicher bin, dass er das in london auch gemacht hat). er, das verstand ich, verdiente sich selbst. und mich? alles, was ich hier schreibe, nervt mich (aber meine güte). wer noch? bevor jemand anderer so tut, als wäre cohen ihm wichtig, will ich der größte wichtigtuer der welt sein. und sagen, dass ich am nächsten tag im bett lag, als wäre ich krank. es war überall in mir. ich hatte ihn echt gesehen, merkte ich da endlich.
naja, ich habe lyrikkritik schon niemals nicht auf einem ausgestreckten arm nach oben gehalten, um sie als wertgegenstand zu betrachten. der wert ergibt sich für mich aus der information, die ich daraus ziehen kann (etwas neues entdecken, auf etwas aufmerksam werden und selber gucken). den wissenschaftlichen ansatz bei lyrikrezensionen finde ich schlechter als den essayistischen, den ich wiederum schlechter finde als den persönlichen. am allerwenigsten schlecht finde ich den leidenschaftlichen zugang zu einem gedicht, einem lyrikband, einer anthologie.
nicht gut finden kann ich die heute im poetenladen veröffentlichte „polemik“ von alexander nitzberg zu „lyrik von jetzt zwei“. dabei geht es mir weniger darum, dass ich persönlich schlecht wegkomme (nebenbei bemerkt: bislang war ich eher ein günstling der rezensenten des buchs). mir geht es um die grundthese am anfang von nitzbergs ausführungen: junge lyrik ist vielleicht auch „unreif, schülerhaft und grün“, sagt er da als option (was an sich schon eine so doofe verallgemeinerung auf einem so unglaublich kleinen nenner darstellt, dass es mich wundert, dass der nitzberg seine rezension nicht mit den worten beginnt: heute wollen wir mal die junge lyrik betrachten, liebe freunde). okay, junge lyrik kann auch unreif, schülerhaft und grün sein. meint herr nitzberg. das will er dann nach ein paar diplomarbeitssätzen belegen, tut es aber nicht tatsächlich, schafft es nicht, nicht die chance eines hauchs. nitzberg erweist sich in meinen augen als verbohrter abc-schütze, der seine eigene beschränktheit (an sich keine schlimme sache, die subjektive lesart eben, persönliche vorlieben) als überführung hinstellt (dadurch wirds dann aber doch schlimm). oder er reißt einzelne sätze aus dem zusammenhang und stellt sie als beleg für seinen willen hin (da wirds dann lächerlich).
aber er hat sich durchaus mühe gegeben, der alex. er findet ein paar gute sätze wie z.b.: „im traum mich der bock noch immer / gegen den maschendrahtzaun rammt“ oder „sie gehn im gleichschritt und der gleichschritt macht sie schön“.
und nun? nun machen alle weiter wie vorher. herr alexander nitzberg ja vielleicht mit solchen versen: „als ein furchtloser schwimmer /sprang ich herab vom fels / in den flutenden schimmer
/ deines fells!“ (ebenfalls im poetenladen zu finden, wo man aber durchaus auch tolle entdeckungen machen kann).
habe heute zum fünften mal die inszenierung von medea im hamburger schauspielhaus gesehen.
(hier die erfahrung vom zweiten mal).
wie ergriffen ich wieder war. vom schluss, von anfang an, und vom ende, wenn die schauspieler verdientermaßen gefeiert werden. alle trampeln für ute hannig, die die medea ausfüllt bis zum bersten. und ich sitze noch eine stunde später da und möchte immer wieder philipp otto anpreisen, den ich für den sehenswertesten schauspieler überhaupt halte. wo der mitspielt, möchte ich einfach davor sitzen, bange und lange.
ich brachte dich zum bus, du warst nur ein paar stunden hier
von jahr zu jahr
deine reisetasche machte diesen abschied zu einem größeren
nach einem längeren gefühl
in deiner tasche: schlafanzug, aber nicht die passende nacht
der bus war spät, war übervoll, war deiner
du passtest gerade noch hinein, wie keiner
als der bus losruckte und du dich nirgends festhalten konntest
pralltest du gegen all die anderen, die masse
fand ich traurig, weil ich weiß, dass du all die anderen nicht magst
und nicht weißt, wie du dich entschuldigen sollst
und ich blieb da stehen, bushaltestelle um halb uhr morgens
und wartete, weil ich wartete darauf, dass du wiederkommst
das hoffe ich fast immer, wenn du weggehst.
ich mit einem alten gedicht. hinter mir der passauer christkindlmarkt 2008.
die lichterkette anmachen, die katze auf den schoß und dann hier klicken.
vorgestern die lesung in leipzig. hätte auch rasenmähen in leipzig sein können, kamen nämlich nicht allzu viele leute (und hauptsächlich leute, die selber mähen). aber naja, so ist das. und ich fands trotzdem ganz schön. erkenntnistheoretisch. und menschlich. es ist ja auch fein, ein paar dieser dichter mal persönlich zu treffen. und etwas mehr zu verstehen (ron kannte ich ja schon, aber nicht als raucher). 

heute kam tatsächlich die plexiwerbetafel, die auf der frankfurter buchmesse am die zeit-stand hing. weil ich da ja drauf bin. statt orhan pamuk. entschuldigung orhan, danke die zeit. das freut mich sehr.
1. meine freundin hat mir zum geburtstag den schönen gedichtband "die ordnung des schnees" von andreas münzner geschenkt (ein buch, das ich mir schon öfter mal herbei gewünscht habe, aber irgendwie ging ich nie darauf zu). naja, es ist sogar mit einer widmung versehen. und mit andy unterschrieben. ich habe erst gedacht, ich habe mich verlesen. dann sagte meine freundin aber, dass er auch andy genannt wird, der andreas münzner, sich sogar selber so bei ihr vorgestellt hat (sie sind zusammen in einer schreibgruppe). und ich kann es auch tage später nicht begreifen, andreas münzner ist doch kein andy. denke ich und kann es nicht begründen. selbst eine katze, die ich nach ihm benennen würde, könnte ich nie andy rufen.
2. da gibt es eine band: busch. und da gibt es auch einen sänger und songschreiber dieser band: kreuder. schließlich gibt es noch einen, der den für ziemlich begnadet hält: mich. aber: er, der kreuder, der mika, der kerl, schreibt zu wenige songs. oder veröffentlicht sie zumindest langsamer als die spd ihre glaubwürdigkeit verscherbelt.
3. ich führe gegen johannes p., einen durchschnittsmann aus hamburg-blankenese, mit 2:0 sätzen beim tischtennis, habe einen matchball im vierten satz und verliere doch noch 2:3. obwohl ich klar besser bin. ich schätze, dass ich momentan zu den besten sieben millionen tischtennisspielern der welt gehöre. okay, china ist groß... europas... sechs millionen.
letzte woche beim leonard cohen-konzert: ein rebell mit ohrring und jeanshemd, der mit den absätzen seiner cowboystiefel einen takt schlug. keine ahnung welchen.
gestern bei einer lesung von jo lendle und markus orths: ein vollidiot, der (die geschichte ist müßig, eigentlich reicht fast schon, wenn ich sage, dass da ein vollidiot anwesend war)... der erst ein fast volles glas wein vom tisch kippt, dann blöde lacht, sagt, ich lad sie dann später auf ein glas ein, ist das okay? warum einladen, fragt man sich (das wäre, als ob die bank behaupten würde, sie schenke einem das geld, das man aus dem bankautomaten zieht). in der pause muss er dann zu seiner achso höflichen einladung erst noch aufgefordert werden. der vollidiot bringt dann ein schwankendes, kleckerndes glas ("da kommen sie ja jetzt richtig gut bei weg"). kurz darauf rüttelt er beim vorbeigehen witzigerweise am tisch, kippt das glas beinahe wieder um, verschüttet einen beträchtlichen teil und lacht blöde. dass das ja nun überflüssig war, quittiert er mit einem "ich dachte, sie hätten mehr humor".
publikumsbeschimpfung, part irgendwas: ich kann euch oftmals nicht leiden/ertragen/haben.
am 3.12. lese ich zusammen mit katharina schultens, judith zander und carl-christian elze in leipzig aus dem neubuch. präsentiert wird das ganze vom: herausgeber der anthologie: ron winkler und von: der zeitschrift: edit.
haus: des buches.
genauer: 20 uhr.
minus: 3 euro.
prädikat: ohne tadel.