02.04.09

ich bin kein junger lyriker

naja, ich habe lyrikkritik schon niemals nicht auf einem ausgestreckten arm nach oben gehalten, um sie als wertgegenstand zu betrachten. der wert ergibt sich für mich aus der information, die ich daraus ziehen kann (etwas neues entdecken, auf etwas aufmerksam werden und selber gucken). den wissenschaftlichen ansatz bei lyrikrezensionen finde ich schlechter als den essayistischen, den ich wiederum schlechter finde als den persönlichen. am allerwenigsten schlecht finde ich den leidenschaftlichen zugang zu einem gedicht, einem lyrikband, einer anthologie.
nicht gut finden kann ich die heute im poetenladen veröffentlichte „polemik“ von alexander nitzberg zu „lyrik von jetzt zwei“. dabei geht es mir weniger darum, dass ich persönlich schlecht wegkomme (nebenbei bemerkt: bislang war ich eher ein günstling der rezensenten des buchs). mir geht es um die grundthese am anfang von nitzbergs ausführungen: junge lyrik ist vielleicht auch „unreif, schülerhaft und grün“, sagt er da als option (was an sich schon eine so doofe verallgemeinerung auf einem so unglaublich kleinen nenner darstellt, dass es mich wundert, dass der nitzberg seine rezension nicht mit den worten beginnt: heute wollen wir mal die junge lyrik betrachten, liebe freunde). okay, junge lyrik kann auch unreif, schülerhaft und grün sein. meint herr nitzberg. das will er dann nach ein paar diplomarbeitssätzen belegen, tut es aber nicht tatsächlich, schafft es nicht, nicht die chance eines hauchs. nitzberg erweist sich in meinen augen als verbohrter abc-schütze, der seine eigene beschränktheit (an sich keine schlimme sache, die subjektive lesart eben, persönliche vorlieben) als überführung hinstellt (dadurch wirds dann aber doch schlimm). oder er reißt einzelne sätze aus dem zusammenhang und stellt sie als beleg für seinen willen hin (da wirds dann lächerlich).
aber er hat sich durchaus mühe gegeben, der alex. er findet ein paar gute sätze wie z.b.: „im traum mich der bock noch immer / gegen den maschendrahtzaun rammt“ oder „sie gehn im gleichschritt und der gleichschritt macht sie schön“.
und nun? nun machen alle weiter wie vorher. herr alexander nitzberg ja vielleicht mit solchen versen: „als ein furchtloser schwimmer /sprang ich herab vom fels / in den flutenden schimmer
/ deines fells!“ (ebenfalls im poetenladen zu finden, wo man aber durchaus auch tolle entdeckungen machen kann).


Kommentare:

goldmundnarzi hat gesagt…

mhmm. wenn herr a. nitzberg sein gedichtband "am anfang war mein wort" nennt, dann denke ich ein bisschen, dass er an einer profilneurose leidet.
oder aber er ist ein ganz lustiger, der alex.
ich mag nicht wie er schreibt.
ich mag wie du schreibst.
ohne angst vor dem eigenen spiegelbild. oder eher ohne die angst vor dem eigenen spiegelbild vertuschen zu wollen.

judith hat gesagt…

ein auszug aus einem interview:

W. F. Schmid: Ich kann immer wieder feststellen, dass sich die Jugend sehr interessiert für Dichtung und leicht dafür zu begeistern ist. Irgendwie scheint diese Lyrikbegeisterung – schaut man sich die Gesamtrezeption in Deutschland an – allerdings später verloren zu gehen. Wie kann man Ihrer Meinung nach das Interesse in Poesie wahren oder wecken?

R. Kunze: Indem man beispielsweise niemals fragt „Was wollte uns der Dichter damit sagen?“, sondern das Gedicht als Gedicht wirken läßt und dabei bedenkt, daß nicht jedes Gedicht eines jeden Dichters in jedem Augenblick für jeden ist. Auch sollte man nicht mehr erwarten, als man erwarten kann – es sind immer nur wenige, die das Gedicht zum Leben brauchen.

W. F. Schmid: In den Gedichten Den Literaturbetrieb fliehend und Apfel für M. R.-R. thematisieren Sie Ihr Verhältnis zur Literaturkritik. Wie wichtig ist die Unabhängigkeit eines Schriftstellers von der Kritik?

R. Kunze: Ein Schriftsteller kann sich noch so unabhängig von der öffentlichen Kritik dünken – er ist es nicht. Wenn er klug ist, wird er sich einem klugen Einwand nicht verschließen können, selbst dann nicht, wenn der Kritiker böswillig ist.

neugierige fragen: wie klug ist herr nitzberg? ist er böswillig? oder stellt er einfach die falschen fragen?
wollen wir ihm versöhnlich zugute halten, dass nicht jedes gedicht für jeden ist?
vielleicht isst er lieber steaks, trinkt ein pils dazu, atmet luft und braucht das hindringerische gedicht nicht zum leben?
da ist er ein bisschen zu bedauern.
wenn ich mir das recht überlege, sogar im großen stil. nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Simone hat gesagt…

Beim Lesen seiner Polemik sind mir zuerst nur einige Comicphrasen wie "uff" und dergleichen entglitten. Irgendwann legte sich dann meine Stirn in arge Falten.

Sicher darf man auch einmal Laut geben, wenn einem etwas nicht schmeckt, ich bin selbst ein Freund von Kritik und manchmal von Polemik, aber die Art und Weise finde ich hier doch ordentlich befremdlich: Dieses Insistieren auf einem Bein mit erhobendem Zeigefinger Richtung Richitgkeit, das Vorführen vermeintlicher Unstimmigkeiten via Kakaozug schmeckt mir nicht.

Sicher will Polemik bitter sein, soll nicht schmecken; sie sucht ja keinen Konsens. Aber diese Omnipotenz-Diagnose anhand einiger Zitate funktioniert eben nicht, womit sich die ganze Polemik selbst ins Nest scheißt.

Und apropos Nest: wenn ich in seinem Beitrag nur z.B. und u.a. lese, dass die Lollipop-Logik nur Vögeln Nester zuschreibt, ja, Vögeln ein Klettern abspricht, beißt sich der so auf scharfe Zunge getrimmte Beitrag auf die selbige. Denn wenn ich mit Pressluftpuls auf Stimmigkeit poche, muss ich dieses "Funktionieren im Wort" auch selbst hergeben. Auch hier hakt es.

Im Grunde aber hat erreicht, was Intention scheint: Man redet, man verteidigt und er ist namentlich in vielen Mündern.

mikel hat gesagt…

So was schön selbsreferentiell-verschwurweltes habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Ich meine die Kritik.
Hei hier gehts ja zu wie in alten luiziden babylonischen Zeiten.

Nur ist heute alles schön gepreist. lol

Welcome to the Blogs.

Ich kam via Twitter hierher.
http://twitter.com/Lotree/status/1553999126

rd hat gesagt…

den hinweis auf nitzbergs eigene gedichte finde ich etwas zu kurz gedacht, da hier gleiches mit gleichem vergolten wird. nicht, dass seine gedichte, zumindest die öffentlichen, gut wären, nein, ganz bestimmt muss ich sagen: schrecklich dröge. und schon nach einem halben gedicht hat sich seine methode (auch in einem gedicht auch matthias kehles blog wiederzufinden [dieser kehle ging mir im übrigen mit seiner freude an nitzbergs polemik unglaublich auf'n sack]) schrecklich arg verbraucht und man gähnt. aber genug davon. man merkt nitzberg auch bei anderen beiträgen an, dass er einem alternden, veralteten lyrikverständnis anhängt, dass in ihm seine zombiehafte vertretung findet.

auch einer der gründe, warum ich poetiken höchstens mit interesse, nie mit begeisterung lese. es ist leicht, geschaffenen tatsachen hinterherzuschreiben und sie als a priori auszugeben.

schlaf weiter, nitzberg.

- - -

kann es sein, dass du die schriftgröße in deinem blog geändert hast?

h e r b e r t h i n d r i n g e r hat gesagt…

hmm... naja nicht ganz gleich und gleich, weil ich aus meinen vorlieben keine these ableite. weil ich nicht versuche, meine meinung objektiv zu begründen. weil ich keinen bock hab, in gedichten wissenschaftler auftreten zu lassen.
ich kritisiere an dem aufsatz des nitzberg nicht, dass er meine gedichte blöd findet, aber ich stoße mich daran, dass er so tut, als hätte er einen paragrafen in der hinterhand, um uns zu unterlassen.

ja, schriftgrad geändert. frisur auch.

Simone hat gesagt…

@ rd: die Nitzberggedichte sind so dröge nicht, sie sind pretenziöser "Paradiesvogelschiss", was gar nicht despektierlich gemeint ist, nein, nein - nur sind sie so arg übersteuert, so rigide, dass ich für meinen Teil schnell satt davon bin. Aber das soll nicht Thema sein, wenn wir über die Polemik sprechen.

Was mich wirklich an Nitzbergs Ohrfeige mit dem Seidenhandschuh geärgert hat, war u.a. das, was Herbert mit dem Paragrafenbild skizziert hat. Geärgert hat mich diese Schrotflintenstreuung, der Zitateschluckauf.

Aufgeregt hat mich ein Satz aber maßlos "aus hygienischen Gründen [...]" - bei so etwas könnte ich schlicht kotzen, ganze Regenbogen kotzen, völlig unpoetisch, aber schillernd schön von schmutzig-grau über beige bis ocker; jetzt noch.

 
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